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Dr. Claudia Schilling sprach über die Mechanismen von Schlafstörungen bei ME/CFS. Bereits bestehende Schlafstörungen stellen einen Risikofaktor für die Entwicklung eines postakuten Infektionssyndroms (PAIS) dar. Gleichzeitig sind sie eines der zentralen Diagnosekriterien für ME/CFS und betreffen etwa 50% der Post-COVID-Patient*innen. Zudem beeinflussen sie andere Symptome, darunter Fatigue und kognitive Dysfunktionen. Schließlich bieten Schlafstörungen auch einen Einblick in beeinträchtigte Gehirnfunktionen. Es besteht ein starker bidirektionaler Zusammenhang zwischen Schlaf einerseits sowie Entzündungsprozessen und Immunaktivierung andererseits. Schlafstörungen führen beispielsweise zu einer adrenergen Stimulation, die sich auf Leukozyten und die Cortisolfreisetzung auswirkt und so zu einer Unterdrückung proinflammatorischer Signalwege führt. Umgekehrt können Entzündungen – abhängig vom Ausmaß des Entzündungsprozesses – den Schlaf stark beeinflussen. Selbst bei leichten Entzündungen zeigt sich eine verstärkte Tendenz zum Non-REM-Schlaf (Schlaf ohne schnelle Augenbewegungen). Ein zentraler Mechanismus hinter Schlafstörungen bei PAIS könnte eine Dysfunktion der Blut-Hirn-Schranke sein, wie eine Studie mittels Magnetresonanztomografie (MRT) zeigte. Auch neuronale Mechanismen können ursächlich sein, wobei bestimmte Gehirnnetzwerke – darunter das thalamokortikale Netzwerk – dysfunktional sein könnten. Eine Studie untersuchte die Blutsauerstoffsättigung bei einer Kohorte von Long COVID-Patient*innen und stellte fest, dass diese etwa 5 bis 10 Minuten nach Einschlafbeginn leicht, aber signifikant niedriger war. Dieser Abfall der Sauerstoffsättigung könnte ein Marker für eine mit Long COVID assoziierte Organdysfunktion sein. Eine weitere Studie untersuchte mittels Polysomnografie, wie sich Insomnie im Rahmen des Post-COVID-Syndroms von allgemeiner Insomnie unterscheidet. Dabei zeigten sich Unterschiede im Zentralnervensystem bei Patient*innen mit Post-COVID-Insomnie im Vergleich zu anderen Insomnie-Patient*innen. Andere Forschungsarbeiten haben zudem gezeigt, dass die normale Kopplung zwischen Schlafspindeln und langsamen Oszillationen – zwei wichtigen, am Schlaf beteiligten Gehirnrhythmen – sowohl bei Long COVID als auch bei ME/CFS gestört ist. Dieser Befund deutet auf Anomalien in der Mikrostruktur des Schlafs hin und könnte als elektrophysiologischer Biomarker für Schlafstörungen bei Post-COVID-Erkrankungen dienen. Ein weiterer diskutierter Mechanismus betrifft Veränderungen im Gleichgewicht zwischen kortikaler Erregung und Hemmung; dieser Prozess ist entscheidend für die Schlafregulation und steht im Zusammenhang mit Hyperarousal (übermäßiger Erregungszustand). Dieses Gleichgewicht hängt maßgeblich von den Neurotransmittern Glutamat und Gamma-Aminobuttersäure (GABA) ab. Studien zu chronischer Insomnie haben bereits Hinweise auf eine veränderte GABAerge Signalübertragung geliefert, und vorläufige Ergebnisse bei Post-COVID-Patient*innen deuten auf einen verringerten kortikalen GABA-Spiegel hin. Diese Veränderungen könnten zur Entstehung von Insomnie beitragen, indem sie die normale Regulation der neuronalen Aktivität stören. Insgesamt legen die Befunde nahe, dass Schlafstörungen bei PAIS auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zurückzuführen sein könnten: immunbedingte Auswirkungen auf das Gehirn – insbesondere im Zusammenhang mit einer Dysfunktion der Blut-Hirn-Schranke –, Anomalien in den schlafregulierenden neuronalen Netzwerken sowie ein verändertes Gleichgewicht zwischen exzitatorischer und inhibitorischer Hirnaktivität. Diese Mechanismen können zu neuropsychiatrischen Symptomen, einschließlich Schlafstörungen, beitragen. Schließlich kann die Untersuchung von Schlafstörungen wichtige Erkenntnisse zur klinischen Heterogenität von PAIS liefern und Hinweise auf die Wirksamkeit von unterschiedlichen Behandlungsstrategien geben.